"Unsere Aufgabe ist es nicht, PR für die Kirche zu machen."

Herbert Bodenmann im Interview.

Herbert Bodenmann studierte Theologie in Bogenhofen und absolvierte am Newbold College ein Englischjahr. Anschließend arbeitete er als Pastor. Außerdem war er Direktor der Adventistischen Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA Schweiz. Seit 2010 ist er Chefredakteur des Adventistischen Pressedienstes APD Schweiz.

 

 

Herbert, du bist seit vier Jahren Chefredakteur des Adventistischen Pressedienstes in der Schweiz. Wofür setzt du dich in dieser Funktion ein?

Der Adventistische Pressedienst ist eine reine Nachrichtenagentur. Wir versuchen  Meldungen bzw. Informationen, die bei uns hereinkommen, sachlich weiterzugeben. Dabei fokussieren wir auf insgesamt fünf Bereiche: die weltweite Adventgemeinde, alles was mit anderen christlichen Kirchen und darüber hinaus mit anderen Religionsgemeinschaften zu tun hat, Menschenrechte, insbesondere Religionsfreiheit sowie ADRA. APD Schweiz pflegt eine sehr enge redaktionelle Zusammenarbeit mit dem Adventistischen Pressedienst in Deutschland. Wir übernehmen gegenseitig die meisten Meldungen für das jeweilige Land.

 

Du bist Theologe und Journalist zugleich. Beißt sich das nicht?

Lass mich das so formulieren: Der APD ist eine Einrichtung der Kirche, aber unabhängig. Wir haben keine kirchenamtliche Funktion. Das heißt, es kann uns niemand sagen, welche Meldungen wir bringen dürfen und welche nicht. Wir sind eigenverantwortlich und niemandem untergeordnet. Wir arbeiten unter dem Presserecht. Der APD hat damit innerhalb der adventistischen Newsdienste weltweit eine Sonderstellung. Eine Problematik, die sich ergeben könnte, betrifft die Auswahl der Meldungen: Welche Nachrichten bringe ich, welche nicht? Wir handhaben es beim APD so, dass wir auch Meldungen publizieren, die nicht nur positiv für die Kirche sind. Das erhöht die Glaubwürdigkeit des APD. Denn unsere Aufgabe ist es nicht, PR für die Kirche zu machen. Wir sind nicht die Kommunikationsabteilung der Kirche. Unser primäres Zielpublikum sind säkulare Medien sowie Medien anderer Kirchen. Sie sollen unter anderem über die Adventisten ein möglichst offenes und transparentes Bild erhalten und merken, dass wir auch an dem interessiert sind, was außerhalb des Adventismus passiert. Dies zahlt sich aus. Aus Rückmeldungen wissen wir, dass wir als verlässliche Nachrichtenagentur eingestuft werden. Mein theologischer Hintergrund ist mir übrigens bei dieser Arbeit äußerst hilfreich.

 

Wo kann es deiner Meinung nach für Christen im Journalismus zu Gewissenskonflikten kommen und wie gehst du persönlich damit um?

Im Nachrichtenjournalismus wird über Sachverhalte und Ereignisse berichtet, was immer auch eine subjektive Komponente hat. Der Anspruch ist jedoch, einem Ereignis oder einer Person gerecht zu werden. Als Nachrichtenagentur ist es nicht unsere Aufgabe zu kommentieren, sondern so sachlich wie möglich zu berichten. Das ist nicht immer einfach, weil man als Journalist auch eine Meinung hat.

Gewissenskonflikte gibt es z.B. hinsichtlich Copyright- oder Bildfragen. Wir arbeiten unter anderem mit Kathpress (Katholische Presseagentur Österreich; Anm. d. Red.) in Wien zusammen. Auf Nachfrage dürfen wir ihre Meldungen kostenlos benutzen, wenn wir die Quelle angeben. Bei Fotos bin ich äußerst dankbar für die Bildagentur churchphoto.de deren Bilder wir kostenlos übernehmen können.

 

Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind zwei Schlagworte in der Diskussion um den heutigen Journalismus. Warum leidet die Glaubwürdigkeit unserer Qualitätsmedien?

Ich glaube, dass das vor allem an der personellen Ausdünnung des Redaktionsteams liegt: Es müssen weniger Journalisten gleich viel oder mehr bewältigen. Sie haben oft nicht mehr die nötige Zeit, um zu recherchieren. Sie sind viel mehr auf die reinkommenden Texte angewiesen und müssen teilweise mit »copy and paste« arbeiten. Die sinkenden Werbeeinnahmen bei den Printmedien, die Ausdünnung des Personals bei gleichbleibender Arbeitsbelastung produzieren Zeitdruck. Hinzu kommen die Onlinemedien. Die Redaktionen müssen schauen, dass sie mit den News möglichst schnell draußen sind, bevor Hinz und Kunz alles getwittert und auf Facebook gestellt haben; hier lastet ein ungemeiner Druck auf den Medien. Ein anderes Problem sind sicherlich auch die Vorgaben des Verlegers. Die Bindungen an die Großinserate-Kunden sind heute noch größer, da es weniger sind als früher. Ein anderes Problem ist der Kampagnenjournalismus: Jemand lässt sich als Journalist für eine Seite einspannen, um eine andere Partei in einen Konflikt fertig zu machen. Als Betroffener fühlt man sich dann sehr ohnmächtig. In diese Situation kann man leicht auch als Minderheitskirche geraten.  

 

Wie kann dem entgegengewirkt werden? Kann die Glaubwürdigkeit überhaupt wieder hergestellt werden?

Ich denke bedingt schon, vor allem dadurch, dass mehr Zeitungen auch Onlinebezahldienste einrichten. Offensichtlich ist es so, dass die Leser bereit sind, für gut recherchierte Beiträge zu zahlen. Das könnte ein bisschen helfen, die finanzielle Spannung, unter der eine Zeitungsredaktion steht, zu verringern. Letztlich lebt aber jede Redaktion von Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Wenn sie dieses Kapital riskiert, hat sie verspielt.

 

Kann ich das als Konsument unterscheiden, was gut recherchiert ist und was nicht? Ist dann nur der Preis ein gutes Qualitätsmerkmal?

Man merkt mit der Zeit, welche Journalisten oder Medien „gute“ Arbeit liefern. Wenn ein Titel bei einem Ereignis mit einem Fragezeichen endet, ist Vorsicht geboten, oder wenn nur eine Seite zu Wort kommt und es keine Ausgewogenheit gibt. Es gibt Print- oder elektronische Medien, die kommen mit einer Meldung noch nicht oder nur mit den entsprechenden Vorsichtshinweisen heraus, weil die Sachlage nicht wirklich geklärt ist. Sie verzichten damit aber auf fette Schlagzeilen und einen entsprechenden Absatz bzw. Zuschauerzahlen gegenüber ihren Konkurrenten.

 

Was rätst du Jugendlichen, die sich sozial engagieren wollen? Womit können sie dabei anfangen?

Man sollte dort beginnen, wo es einem Spaß macht und wo es einem ein Herzensanliegen ist. Wenn Menschen etwas nur aus Pflichtgefühl machen, funktioniert es oft nicht lange. Aber wenn dich etwas angesprochen hat – sei es im Fernsehen, in der Zeitung, oder dich jemand mit seinem Engagement beeindruckt hat –, dann beginne dich zu informieren. Nimm Kontakt auf, geh dem nach, setze dich ein, mach dich schlau und bleib dran. Vielleicht merkst du dann, dass das nichts für dich ist oder dass man es nicht schafft, dann schaut man sich etwas anderes an. Ganz wichtig scheint mir, dass einen etwas im Innersten anspricht und antreibt. Wenigstens in der Freizeit sollten wir uns dort engagieren können, wo wir mit ganzem Herzen dabei sind.

 

Was wünschst du dir für die aktuelle soziale Situation in Deutschland?

Als Schweizer im Ausland jemandem einen Ratschlag zu geben, das ist eine sehr heikle Angelegenheit (lacht). Aber ich gucke natürlich sehr viel deutsches Fernsehen und bin relativ gut mit der deutschen Situation vertraut. Was mich beschäftigt hat, ist die Tatsache, dass offensichtlich Kinder ohne Frühstück in die Schule kommen. In der deutschen Verfassung steht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Ich finde dies großartig! Die Würde des Menschen ist aber auch die Würde eines Kindes. Es hat mich bewegt, als ich gelesen habe, dass manche Eltern es nicht schaffen, ihren Kindern aus welchen Gründen auch immer, Frühstück zu machen. In solchen Brennpunkt-Stadteilen sollten meines Erachtens die Behörden ein Schulfrühstück einrichten. Ansonsten können sich die Kinder nicht konzentrieren, da der Blutzuckerspiegel zu niedrig ist, was Folgen für ihre schulische Karriere haben wird. Wenn ich etwas zur aktuellen sozialen Situation in Deutschland sagen soll, dann ist es das. In der Schweiz gibt es übrigens laut Cartias auch 700.000 armutsbetroffene Menschen. Das geht oft vergessen, weil Arme keine Stimme oder Lobby haben.

 

Für die Verwirklichung deiner Ideen und deiner Aufgaben in der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten wünschen wir dir alles Gute. Vielen Dank für das Interview.


Das Interview führte Kristin Erdmann.